Homestory: Besuch des Klimaprofis bei der Gärtnerei Steinhilber in der Oberpfalz

Anfang Mai 2021 ist das Projekt Klimaverbund in die Beratungsphase gestartet: Aktuell sind 15 Klimaprofis unterwegs, um ihre Anschlusshäuser auf dem Weg Richtung klimafreundlichem und nachhaltigem Wirtschaften zu unterstützen. Wir starten unsere Reihe mit dem Klimaprofi der SAGAFLOR und einem Blick hinter die Kulissen einer Gärtnerei.

Ein Familienunternehmen: die Gärtnerei SteinhilberWir starten unsere Reihe mit dem Klimaprofi der SAGAFLOR und einem Blick hinter die Kulissen einer Gärtnerei. Das Besondere an dem 1983 gegründeten Familienunternehmen: Vor zwei Jahren haben Christa und Reinhard Steinhilber ihre Produktion komplett umgekrempelt, um regional und nachhaltig zu wirtschaften. Sofort haben sie die Vorteile einer Klimaprofi-Beratung für sich entdeckt. Ihr Mut zur Veränderung ist ansteckend.

Es ist Mitte Juni 2021, als Roldany Gutierrez, Klimaprofi der SAGAFLOR, die Gärtnerei Steinhilber besucht: Die Blühpflanzen stehen in voller Pracht, prall hängen reife Tomaten und Gurken im Gewächshaus. Trotz Hitze weht überall ein angenehmes Lüftchen, Energieschirme sorgen für die nötige Schattierung. Nicht nur die Kunden gehen hier ein und aus, auch ein Hummelvolk wurde im Gewächshaus angesiedelt, das im Frühjahr die Bestäubung erledigt hat. 

Als Familie Steinhilber über die SAGAFLOR von der Möglichkeit einer Klimaprofi-Beratung des MITTELSTANDSVERBUNDES erfahren haben, haben sie sofort zugegriffen. Das Angebot trifft sie in einer großen Umbruchsphase: Seit zwei Jahren verzichtet Familie Steinhilber in der eigenen Produktion zu 100 % auf Pestizide.

Der Auslöser zum Umdenken kam – wie so oft beim Thema Nachhaltigkeit – durch die eigenen Kinder. Gärtnermeister Reinhard Steinhilber erzählt: „Unsere Kinder sind im Familienbetrieb aufgewachsen. Und weil kleine Kinder nun mal alles anfassen, auch die Pflanzen im Gewächshaus, kam der Moment, wo ich sagen musste: "Nicht anfassen, die Pflanzen sind alle frisch gespritzt!‘“, – weil sie damals noch mit gesundheitsschädlichen Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden. Das war der Punkt, wo es in Herrn Steinhilber anfing zu arbeiten. Dann stand der Entschluss fest: Wir müssen weg von der Chemie. 

ABSCHIED VON DER „GIFTSPRITZE“

Ein entscheidender Schritt, der nicht von heute auf morgen ging. Auch bei den Mitarbeitern musste zum Teil Überzeugungsarbeit geleistet werden. Sogar externe Berater sagten: Unmöglich! Es muss gespritzt werden! Lachend erzählt Christa Steinhilber, dass besonders ein langjähriger Mitarbeiter sich schwertat, sich von seiner geliebten „Giftspritze“ zu verabschieden. Ein Erlebnis hat sich bei der Betriebswirtin besonders eingeprägt, damals, als sie Kräuter aus Italien zukauften. Als sie den Lieferwagen öffneten, standen sie in einer Wolke aus Chemiedunst. „Als wir die Pflanzen dann aus mehreren Schichten Plastikverpackung befreit hatten, mussten wir sie erst einmal zwei Tage ‚lüften‘, bis der unangenehme Geruch verschwand und wir sie überhaupt verkaufen mochten.“ 2019 schaffte Frau Steinhilber dann Tatsachen. Ganz oder gar nicht, dachte sie sich. „Kurz vor Weihnachten habe ich dann den Giftschrank komplett ausgeräumt.“

Der Verzicht auf gesundheitsschädliche Pflanzenschutzmittel ist aktiver Ressourcenschutz – neben CO2 Einsparung zweiter wichtiger Baustein im Projekt Klimaverbund. In der Gärtnerei hat der „kalte Entzug“ allen gutgetan. Nicht nur den Pflanzen – sondern natürlich auch den Kunden, die sich die Blumen ins Haus holen und die Kräuter und das Gemüse in den Garten und auf den Teller. Und auch alle Mitarbeiter sind inzwischen mehr als überzeugt von der pestizidfreien Anzucht: Mikroorganismen, die dem Gießwasser zugefügt werden, übernehmen jetzt die Arbeit, die Pflanzen kräftig und widerstandsfähig zu machen. Nützlinge wie Marienkäfer fressen die Schädlinge.

NEUBAU: KLIMAPROFI-BERATUNG VON ANFANG AN

Und der Erfolg gibt Familie Steinhilber recht. Um die große Nachfrage in der Oberpfälzer Region zu bedienen, müssen sie die Produktion vergrößern und die Verkaufsfläche erweitern. Ein Neubau ist geplant, das Grundstück dafür wurde bereits erworben. Und auch hier sagt sich Familie Steinhilber: Wenn schon, denn schon.

Da ist es glücklicher Zufall, dass schon in der Planungsphase die Expertise eines Klimaprofis zur Verfügung steht. „Photovoltaik kann in diesem Fall natürlich von Anfang an mitbedacht werden“, so Gutierrez, der zusätzlich zur Klimaprofi-Qualifizierung einen Master im Bereich Regenerative Energien und Energieeffizienz hat. Man könne die Gewächshäuser so ausrichten, dass auf der Südseite die Panele angebracht werden, Richtung Norden dann lichtdurchlässiges Glas.

Das Angebot einer Klimaprofi-Beratung kam genau zur richtigen Zeit, bestätigt Frau Steinhilber. Zwar werde in der Produktion Nachhaltigkeit bereits großgeschrieben, beim Thema Klimaschutz seien sie jedoch dankbar für Impulse von außen. „Im Arbeitsalltag ist dafür ja kaum Zeit, doch wenn der Klimaprofi ins Haus kommt, ist das mal ein Anlass, alle Verbrauchsdaten zusammenzutragen, sich einen Überblick zu verschaffen. Wo stehen wir, wo wollen wir hin?“, so Frau Steinhilber. Auch E-Mobilität sei für sie ein interessantes Thema, denn die Lieferwege beschränken sich fast ausschließlich auf kurze Distanzen in der Region. Potential sehen sie auch noch in der Beleuchtung, einige Leuchtmittel wurden bereits auf LED umgestellt, aber eben noch nicht alle. Klimaprofi Gutierrez hat Tipps, welche LEDs eine angenehme, schöne Lichtfarbe bieten. CO2-Einsparpotential sieht er auch beim Thema Kühlung, im Fall der Gärtnerei bei der Kühlung der Schnittblumen. Und solange noch kein eigener Strom produziert wird, möchte Familie Steinhilber gern auf Ökostrom umstellen. Allein mit dieser Maßnahme können sie rund 50 Tonnen CO2 einsparen, hat Klimaprofi Gutierrez überschlagen.

„WO STEHEN WIR, WO WOLLEN WIR HIN?“

Familie Steinhilber kann bereits auf einen Erfolg im Bereich Klimaschutz zurückblicken: Bis 2020 haben sie an einem zweijährigen Forschungsprojekt der Hochschule Weihenstephan teilgenommen. Ziel des Projekts: intelligente Klimaregelung im Gewächshaus. Denn in gläsernen Gewächshäusern ist es im Sommer meist viel zu heiß, im Winter zu kalt. Doch jetzt sind in der Gärtnerei Steinhilber an den gläsernen Decken der Gewächshäuser Energieschirme aus Stoff angebracht, die computergesteuert ein- oder ausgefahren werden können. Sensoren erfassen Licht und Temperatur und sind so programmiert, dass die Energieschirme zu jeder Jahres- und Tageszeit ideal eingestellt sind. Im Sommer bieten die Schirme die nötige Schattierung, im Winter lassen sie das UV-Licht hindurch, während der Luftraum verkleinert wird. Durch die isolierende Schicht ist weniger Energie zum Heizen nötig. Um ab Januar die für die Wachstumsphase nötige mittlere Temperatur von 16 Grad zu halten, wird die Heizung schon drei Stunden vor Sonnenaufgang automatisch ausgeschaltet. „Schließlich wollen wir die Wärme morgens ja nicht ,rauslüften‘“, erklärt Herr Steinhilber. Drei Stunden vor Sonnenuntergang wird die Lüftung dann wieder automatisch geschlossen. „Wie bei einem Topf auf dem Herd, wo mithilfe eines Deckels und durch rechtzeitiges Herunterschalten Restwärme intelligent genutzt werden kann“, erklärt Herr Steinhilber. Dieses vollautomatische Energiesparmanagement, genannt „Weihenstephaner Modell“ ist ein Vorzeigebeispiel, wie die jahreszeitlichen Gegebenheiten und die Energie, die von der Sonne zur Verfügung gestellt wird, optimal genutzt werden können.

VOLLAUTOMATISCHE KLIMASTEUERUNG IM GEWÄCHSHAUS

Einmal installiert, hat diese Maßnahme einen langfristigen Effekt: 25 % der Heizkosten spart die Gärtnerei Steinhilber damit ein. Wurden sonst im Jahr 220 Tonnen Holzpellets verbraucht, sind es jetzt nur noch 160 bis 180 Tonnen Pellets im Jahr, wie Herr Steinhilber zufrieden berichtet. „220 Tonnen Pellets entsprechen übrigens 100.000 Liter Heizöl“, fügt er hinzu. Eine CO2-Bilanz, die sich sehen lassen kann. Die Holzpellets bezieht die Gärtnerei aus benachbarter Produktion, das Holz stammt aus Oberpfälzer Forstwirtschaft. Die Heizanlage verfügt über eine Leistung von 550 Kilowatt. Ein 14.000 Liter großer Wassertank dient als Pufferspeicher, das Wasser zirkuliert in einem geschlossenen Kreislauf. „Für den angrenzenden Neubau werden wir dann die Leitung erweitern“, so Herr Steinhilber.

Nicht alles klappt auf Anhieb. Beim „Work-in-Progress“ setzt Gärtnerei Steinhilber auf offene Kommunikation. Zum Beispiel möchten sie in der Produktion den Einsatz von Torf so weit wie möglich reduzieren. Denn durch Torfabbau werden Moorlandschaften zerstört, unsere wichtigsten CO2-Senken, dazu lebensnotwendiger Rückzugsraum für bedrohte Tiere und Pflanzen. Allerdings werden durch den Torfabbau große Mengen CO2, die dort gebunden sind, wieder freigesetzt. Derzeit liegt die Gärtnerei Steinhilber nach eigenen Angaben bei einer Torfreduktion von ca. 40 %. „Das bedeutet in unserem Fall immerhin mehr als zwei Lastzüge voll Torf, die wir einsparen“, so Herr Steinhilber. Ersetzt wird der Torf durch regionale Produkte: Kompost mit Holzfaser.

Im Projekt Klimaverbund geht es nicht nur darum, CO2-Einsparpotentiale aufzuzeigen, sondern auch um den schonenden Umgang mit Ressourcen, sprich Abfallvermeidung. In einer Gärtnerei fällt viel Plastikabfall an, vor allem durch die Pflanztöpfe. Familie Steinhilber ist auf der Suche nach einer Alternative zu Plastik. Sie haben schon einiges ausprobiert und einige Rückschläge erlitten. Die Herausforderung liegt darin, dass die Töpfe relativ langlebig sein müssen: Pflanzen, die im August getopft werden, werden erst im Februar oder März verkauft. Die Töpfe aus Pappe oder anderen organischen Materialien, die sie ausprobiert hatten, waren nach dieser langen Zeit nicht mehr ansehnlich, angeschimmelt oder zerfallen, und für den Verkauf deshalb nicht mehr geeignet. Andere kompostierbare Varianten erwiesen sich als nicht kompatibel mit der Topfmaschine. Doch Klimaprofi Gutierrez hat Neuigkeiten: Die SAGAFLOR testet aktuell Pflanztöpfe, die sich in einer Studie durch die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau (LVG) Heidelberg als besonders vermarktungsfähig und topfmaschinengängig erwiesen haben. Der Kunde hat zum Zeitpunkt des Kaufs einen schönen Topf, den er dann mitsamt Pflanze einpflanzen kann, nach 12 bis 16 Monaten hat sich der Topf dann in der Erde komplett zersetzt. Drei Gärtnereien beteiligen sich zurzeit an der Testphase des Topfes, Gärtnerei Steinhilber ist natürlich sofort dabei. In der Übergangsphase werden noch Töpfe aus recyclingfähigem PET verkauft. „Der große Vorteil ist, dass diese Töpfe vom Scanner der Müllsortierungsanlage erkannt werden und man sich damit sicher sein kann, dass sie dann auch wirklich im Recycling landen.“ Verschwunden ist das Plastik schon im Verkauf. Es wurde ein Mehrwegsystem eingeführt. Für den Heimtransport der Pflanzen können die Kunden wählen zwischen handlichen, faltbaren Kartons oder der Mehrwegvariante. Überdimensionierte Einweg-Plastikschalen gehören der Vergangenheit an.

Auch die Bewässerung der Pflanzen geschieht vollautomatisch und angepasst an die Bedürfnisse der Pflanze in ihrer jeweiligen Wachstumsphase. Gegossen wird in den Gewächshäusern nicht „von oben“, sondern „von unten“: Per Zeitschaltuhr läuft die Bodenschale voll, die Wurzeln der Pflanzen ziehen sich so viel Wasser, wie sie benötigen, überschüssiges Wasser läuft wieder zurück in den Kreislauf. Auf dem Gelände der Gärtnerei steht ein riesiges Regenwasser-Auffangbecken, das 1,2 Millionen Liter Wasser fasst. Wieder ein Beispiel für einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen: „Wir müssen 0 % Wasser von der Stadt zukaufen, und das heißt auch: Wir verbrauchen für unsere Produktion kein wertvolles Trinkwasser.“ Ein Kostenfaktor ist es obendrein.

„ZURÜCK ZUR NATUR“ – IN DER GARTENBAUBRANCHE MEHR ALS NAHELIEGEND

Regenwasser. Sonne. Heizen mit Holz aus dem benachbarten Wald. Kann es wirklich so einfach sein? Was in seiner Gesamtheit so einleuchtend ist, überzeugt natürlich auch die Kundschaft. Denn in der Gartenbaubranche ist das Konzept „Zurück zur Natur“ mehr als naheliegend. Wenn man hinter die Kulissen schaut, sind all das natürlich die Früchte der Arbeit von überdurchschnittlich engagierten Menschen, die das Bestmögliche herausholen.

In der Gärtnerei Steinhilber wird jahrzehntelang angesammeltes Familienwissen kombiniert mit den neuesten Erkenntnissen aus Universitäten und Hochschulen. Das ist offenbar das Geheimrezept ihres Erfolges: Die intelligente Kombination von Hightech bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf die traditionellen Stärken der Branche.

Familie Steinhilber hat die Chancen erkannt, die in der Beratung eines Klimaprofis stecken. In allen Bereichen sind sie auf der Suche nach sinnvollen Anpassungen. Es können nicht nur CO2 und Ressourcen eingespart werden, sondern auch bares Geld. Die Stellschrauben für Einsparpotential sind dabei in jeder Branche woanders zu finden. 15 Verbundgruppen unterschiedlichster Branchen nehmen am Klimaverbund teil, 15 „Klimaprofis“ sind bei der jeweiligen Verbundgruppe fest angestellt und können individuell und branchenspezifisch beraten.

Gemeinsames Ziel aller Verbundgruppen: Innerhalb der zweijährigen Projektlaufzeit sollen insgesamt 50.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Nach erfolgreicher Umsetzung empfohlener Maßnahmen erhalten die teilnehmenden Betriebe ein Klimaschutzzertifikat. Mit der Umstellung auf Öko-Strom hat Gärtnerei Steinhilber bereits die erste Maßnahme umgesetzt. „Ich bin begeistert, dass unsere Partner bei der SAGAFLOR AG so aktiv und motiviert beim Thema Klimaschutz sind“, so Klimaprofi Gutierrez. „Gemeinsam mit unseren Partnern planen wir, mit 5.000 Tonnen CO2-Ersparnis zum gemeinsamen Projektziel im Klimaverbund beizutragen. Es steckt viel Potential in unserer „grünen Branche und vor allem: unsere Gartencenterunternehmer sind überaus aufgeschlossen.“

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